Schanghai, China: Stadt der Träume (Teil 3)
Wohl keine Stadt Chinas regt unsere Fantasie so an wie Shanghai - einst koloniale Konkubine, dann keusche Kommunistin, die nun erwacht wie ein monströses Dornröschen. 20 Millionen Einwohner, 4.000 Wolkenkratzer, 8.000 Kilometer Straßennetz und bei Nacht ein Neondschungel, der seinesgleichen sucht. Chinas erste moderne Mega-City. Aber auch eine Stadt ohne Gnade, regiert von Gier und behördlicher Willkür.Die Stadt, die schon immer gut war für eine Revolution und für erstaunliche Widersprüche. Wo 1921 die KP Chinas gegründet wurde, wird heute amerikanischer Kaffee serviert.Regisseur William Cobban (CBC) hat sich wochenlang in der "Stadt über dem Meer" aufgehalten auf der Suche nach den Menschen, die den ungestümen Ehrgeiz und die weltoffene Neugier der Shanghaier verkörpern. Aber auch die Opfer des Fortschritts hat er gesucht und gefunden. Die, die am Wegesrand zurückblieben, während andere auf die Überholspur ausscherten. "Oben und unten wollte ich zeigen", sagt Cobban. Und das ist ihm gelungen.Mia Liang ist einer seiner Helden. Der Regisseur dreht Werbespots fürs Fernsehen. Er produziert die Träume von Genuss, Spaß, Konsum und Körperpflege. Denn in Shanghai ist wie in vielen chinesischen Großstädten eine noch dünne, aber sehr kaufkräftige Mittelschicht entstanden, deren Lebensstil sich an der Oberfläche kaum noch von unserem unterscheidet. Ma Liang besitzt eine Eigentumswohnung, ein Auto und kann reisen, wohin er will. Ein rasanter Aufstieg für einen Jungen aus einfachen Verhältnissen. "Meine Familie hatte keine Wohnung - wir lebten alle in einem Zimmer", erzählt er. "Wir hatten nur ganz schlichte Kleidung. Ich konnte mir damals gar nicht vorstellen, was mal aus mir werden sollte?"Er gehört zur ersten Generation Chinas, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen und eigene Entscheidungen treffen kann, ohne dass die Partei alles kontrolliert. Und wie sie aufblüht, diese Generation.Modedesignerin Jenny Ji ist noch so eine Vertreterin des jungen, aufstrebenden Shanghai. Sie bereitet sich auf ihr internationales Debüt vor - einen Auftritt bei der großen Modemesse in Chinas modischster Stadt. "Wir sind frei von den Fesseln der Tradition und von der kommunistischen Trostlosigkeit", sagt sie. Aber ganz auf Tradition verzichten will sie freilich nicht. Ihre neueste Kollektion bedient sich der prächtigen Farben und Muster der Peking-Oper. Und es ist selbstverständlich für sie, am Totenfest Qing Ming zum Grab ihrer Großeltern zu pilgern. Sie pendelt unbeschwert hin und her zwischen den Geistern ihrer Ahnen und dem Tonstudio, wo sie die Musik für ihre Modenschau aussucht.Während manche schon fürchten, dass Chinas alte Kultur zwar den Kommunismus überlebte, aber nun von der Pop-Mühle aus dem Westen zerquetscht wird, suchen die jungen Künstler, Designer und Musiker ihre Wurzeln in der großen Schatztruhe der chinesischen Geschichte und entdecken sich dabei selbst - und die alte Kultur. Eine ungeheuer spannende Entdeckungsreise. "Wir werden uns jetzt allmählich unserer chinesischen Kultur bewusst. Wir wussten immer schon, dass sie etwas ganz besonderes ist, aber jetzt erst entdecken wir ihre ganze Schönheit", sagt Ma Liang, der sich in seiner Arbeit ebenfalls auf Zitate der Klassik stützt.Aber abseits der Boutiquen und Büros, der Laufstege und Filmstudios gähnen in der Stadt der Träume Abgründe, die dem flüchtigen Besucher verborgen bleiben. Wie Qin zum Beispiel, eine allein erziehende Mutter, erlebt den Albtraum ihres Lebens. Alles, was sie besaß, hatte sie in eine Eigentumswohnung gesteckt. Aber dann wurde ihr Haus einfach abgerissen, weil es einem Bauprojekt der Stadtregierung im Wege stand. Die Entschädigung, die man ihr zahlte, war lächerlich gering. "Ich wollte die Sache vor Gericht bringen, aber ich fand noch nicht einmal einen Anwalt, der mutig genug war, mich zu vertreten."Derartige Fälle sind heikel und gefährlich für die Anwälte - oft stecken die Behörden mit den Wohnungsbaufirmen unter einer Decke und sorgen dafür, dass ganze Viertel verschwinden, um Platz für neue Einkaufszentren und teure Wohnungen zu schaffen. 600.000 Menschen wurden in den letzten Jahren aus der Innenstadt vertrieben und mussten sich weit draußen am Stadtrand ansiedeln.Wie Qin, die auch noch ihren Job bei einem Staatsbetrieb verlor, schreibt nun Bittschriften an die Regierung in Peking, um doch noch zu ihrem Recht zu kommen.Obwohl die wirtschaftliche Freiheit vielen ganz neue Möglichkeiten eröffnet hat, bleibt das alte Regime an der Macht - und mit ihm auch Korruption und Willkür. Wer in die Mühlen des Apparates gerät, wird leicht zerrieben, weiß Frau Jiang.Ihr Mann, ein Rechtsanwalt, hat es gewagt, einen solchen Fall von Wohnungsraub anzunehmen, und deckte einen Korruptionsskandal auf, in den die Stadtregierung verwickelt war.Aber nicht die Schuldigen wurden bestraft, sondern der Anwalt. Als die Geschichte in der Hongkonger Presse erschien, wurde er wegen Verrats von Staatsgeheimnissen für drei Jahre ins Gefängnis gesperrt. "Jetzt sind wir völlig mittellos und werden auch noch von der Polizei schikaniert", weint Frau Jiang. "Und das, obwohl mein Mann doch nur versucht hat, den Menschen zu helfen."Hu Yang ist Fotograf und hält die Veränderungen, die seine Heimatstadt erlebt, mit der Kamera fest. Er dokumentiert den unbändigen Ehrgeiz und die bodenlose Verzweiflung. "Unglaublich, wie groß die Unterschiede sind", wundert er sich. "Auf der einen Seite die Reichen und auf der anderen die Armen. Und dazwischen nichts als diese dünne Mittelschicht. Das kann zu Chaos und Unruhe führen.""Stadt der Träume" - eine unvergessliche Reise in Chinas schillerndste Metropole, wo zwischen Träumen und Albträumen nur wenige Straßenzüge liegen.Schlaflos in SchanghaiSchlaf ist ein großes Thema in Schanghai. Ungezählte Menschen pendeln jeden Tag, nehmen die weitesten Wege in Kauf. Man muß lange Stunden absitzen, es gibt keine durchsetzungsfähigen Gewerkschaften. Überall sieht man Schlafende: Auf der Ladefläche eines Lkw, in der Ecke im Kaufhaus, selbst im Tempel. In der kritischen Stunde nach dem Mittagessen betrat ich ein schönes altes Teehaus. Im Erdgeschoß befand sich nur eine Art Rezeption, dort hing ein älterer Mann im Sessel, die Lider halb geschlossen. Am oberen Ende der Holztreppe wurde man von einem höflichen "Ni Hao" begrüßt, das war ein Beo-Vogel, der den Stand der Dinge von seinem Käfig aus verfolgte. An einem langen Holztisch schliefen zwei junge Kellnerinnen, den Kopf auf ihren gekreuzten Unterarmen, hingebungsvoll und traumversunken, wie Kinder.In der Küche sah ich einen schlafenden Koch, und der einzige Gast war ebenfalls eingenickt. Nach einer langen, leisen Weile erwachte eine Kellnerin und brachte Tee. Sie hat nicht gelächelt oder sich entschuldigt. China ist keine Dienstleistungsgesellschaft. Später hatten sie auch Musik aufgelegt, sehr schöne, melodiöse Lieder, vorgetragen von einer ganz klaren Frauenstimme. Alle, auch die stoppelbärtigen Männer mit Zigarette sprachen den Text mit. Teresa Deng sei es, wurde mir erklärt, lange durfte sie nur heimlich gehört werden; und daß sie "ein trauriges Leben hatte: Ihr Mann war nicht treu."Der (ein)gestellte DiebTransrapid-Haltestelle in SchanghaiIn der Zeitung war folgende Meldung: Ein kleiner Lebensmittelladen wurde des öfteren von einem Dieb heimgesucht. Der Besitzer legte sich auf die Lauer und ertappte irgendwann einen jungen Mann beim Klauen von Äpfeln. Als die Polizei eintraf, weinten beide. Der Besitzer verzichtete auf eine Anzeige und stellte den Jungen statt dessen ein. Sicher habe ihn die Not zum Klauen gezwungen, dem sei nun abgeholfen, erklärte der Geschädigte den Beamten.Jeder China-Kenner wird einem versichern, Schanghai sei eine Weltstadt, wo man an Ausländer, an Weiße gewöhnt sei. Das stimmt auf der Hauptstraße und da auch nicht für die, die aus den Vorstädten gekommen sind. Man wird gemustert. Biegt man zweimal um die Ecke, in ein Wohnviertel, ist das Erstaunen groß. Die Straße, die Gasse ist ein gemeinsames Wohnzimmer, wo gespielt, diskutiert und gegessen wird, am Nachmittag sind viele im Schlafanzug unterwegs. Die Nachbarschaft wird auch gepflegt: Noch in den entlegensten Vierteln findet sich jemand, der die Bürgersteige kehrt, den Müll aufsammelt und alles ordentlich hält.